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E-Learning
in Sport und
Sportwissenschaft
4/2008 - 3. Jahrgang
Christoph Igel & Frank Vohle
Editorial
Christoph Igel,
Priv.-Doz. Dr. phil. habil.,
Vizepräsident „Medien und Technologie” der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, Leiter des Competence Centers „Virtuelle Saar Universität”. Arbeitsschwerpunkte: Bildungstechnologien in Hochschulen, Informations- und Wissensmanagement, E-Learning und Learning Management, Virtualisierung von Hochschulen.
Frank Vohle,
Dr., Dipl.-Sportlehrer,
Geschäftsführender Gesellschafter der Ghostthinker GmbH; freie Forschungstätigkeit an der Universität Augsburg, imb. Arbeitsschwerpunkte: Sport-, Bewegungs- und Gesundheitspädagogik mit aktuellen Bildungstechnologien; Narrationen und Analogien.
Bis Mitte der 1990er Jahre war der Einsatz von Technik und Technologien in Sport und Sportwissenschaft auf das Lernen menschlicher Bewegungen und die damit einhergehenden Leistungsveränderungen beim initialen motorischen Lernen bis hin zur Automatisierung menschlicher Bewegungen fokussiert. Fragen zum sensomotorischen Lernen mit Hilfe analoger Videographie, experimentelle Studien zum visuomotorischen Lernen auf Basis des Informationsverarbeitungsparadigmas und auch Videotraining mit Hilfe von Computer-Video-Kopplungen sowie Analog-Digital-Wandlern standen dabei im Zentrum von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Es folgte in den späten 1990er eine Weiterentwicklung dieser Ansätze zum Messplatztraining im Sport: Kinematische und dynamische Parameter wurden bei der Diagnose menschlicher Bewegungsverläufe gekoppelt und dienten fortan der komplexen, prozessorientierten Trainingssteuerung. Ein Ansatz, der heutzutage in der modernen Trainings- und Wettkampfplanung fast aller Sportarten im Spitzen- und Hochleistungssport, in der Prävention, Rehabilitation wie auch im Freizeit- und Breitensport zum Einsatz kommt und mitunter beeindruckende Fortschritte in Forschung und Entwicklung sowie beim Praxiseinsatz gemacht hat.
Ganz anders hingegen verhält es sich mit dem Einzug und der Bedeutung des technologiebasierten Lehrens, Lernens und Prüfens in Sport und Sportwissenschaft, also dem, was wir im weitesten Sinne als „E-Learning” bezeichnen. Von einer großen Akzeptanz oder gar einem flächendeckenden Einsatz technologischer Lehr- und Lernmittel kann keine Rede sein. Die Gründe hierfür sind vielfältig, augenfällig ist die Bewegungs- und Körperfixierung im Sport, was vordergründig einem an kognitiven Prozessen orientierten E-Learning-Verständnis mit Unterstützung der neuen, digitalen Medien und dem Internet entgegensteht. Will man es auf den Punkt bringen, so ist für Sport und Sportwissenschaft festzustellen: Messtechnologie für Training und Wettkampf - ja, Informationstechnologien für Lehr-, Lern- und Reflexionsprozesse - nein.
Weniger augenfällig, gleichwohl jedoch ursächlich für diese domainspezifische Situation, sind drei Sachstände: Erstens existieren trotz zahlreicher Förderprogramme auf europäischer, Bundes- und Länderebene in der zurückliegenden Dekade bis dato zu wenige sportwissenschaftliche Initiativen und Bemühungen zum Lehren, Lernen und Prüfen mit neuen, digitalen Medien an deutschen Hochschulen; zweitens werden die wenigen Aktivitäten einzelner Institute und Lehrstühle - die übrigens mehrheitlich den naturwissenschaftlichen Teildisziplinen der Sportwissenschaft zuzuordnen sind - weder hinreichend koordiniert noch sind diese technologisch untereinander anschlussfähig. Und drittens: Sieht man sich an, was E-Learning-spezifisch in den zurückliegenden Jahren im Bereich Sport und Sportwissenschaft initiiert, erprobt und wieder verworfen wurde, muss konstatiert werden, dass wenig Nachhaltiges geschehen ist. Das gilt für die Hochschulen als Ort der Sportwissenschaft wie auch für den Vereins- und Schulsport und die kommerziellen Sportanbieter als Anwendungsdomänen gleichermaßen.
Die Einschätzung „wenig Nachhaltiges” orientiert sich zunächst an den für E-Learning wichtigen Wissenschaftsdisziplinen: der Informatik, der Pädagogik und Psychologie sowie den Disziplinen, die sich mit Fragen von Organisationsentwicklung auseinandersetzen, wie etwa die Betriebswirtschafslehre und Soziologie. Wer sich in diesen Wissenschaftsdisziplinen mit E-Learning beschäftigt, kann sich wissenschaftlich profilieren und gehört nicht selten zu den Innovationsmotoren der eigenen Zunft. Aus Sicht der Sportwissenschaft sind Bemühungen zum Thema „E-Learning” ein eher undankbares Unterfangen: Die Anzahl an wissenschaftlichen Qualifikations- und Mittelbaustellen oder gar Professuren, die das Thema E-Learning oder Bildungstechnologien in Lehre und Forschung vertreten, geht gegen null, einschlägige Struktur- und Stellenentwicklungen sind Mangelware, Standorte mit entsprechenden Instituts- oder Fakultätsprofilen existieren nicht. Daher gibt es für NachwuchswissenschaftlerInnen außerhalb des persönlichen Interesses keinen Grund, sich in diesem Feld langfristig zu engagieren. Selbst die beiden vermeintlich dem Thema nahestehenden Teildisziplinen innerhalb der Sportwissenschaft, die Sportinformatik und die Sportpädagogik, tun sich mit dem Thema E-Learning traditionell schwer: Den einen ist das Thema schnell „zu pädagogisch”, die Anderen stoßen sich an einem wie auch immer gearteten Technologiebegriff.
Warum wählen wir als Gastherausgeber diesen selbstkritischen Einstieg in das Themenheft „E-Learning in Sport und Sportwissenschaft”? Erstens möchten wir den folgenden Beiträgen vorangestellt darauf hinweisen, das wir Fragen zur Strukturentwicklung von E-Learning in der Sportwissenschaft und den damit einhergehenden Chancen zur standortspezifischen Profilbildung für substantiell erachten, wenn ein Forschungs- und Lehrinteresse nachhaltig erzeugt und stabilisiert werden soll; das ist ein politisches Argument, wie es auch in dem domainspezifischen Strategiepapier zum breiten Einsatz der neuen Medien der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) aus dem Jahr 2007 Erwähnung findet. Zweitens müssen Fragen zur spezifischen Implementation von E-Learning-Szenarien in Sport und Sportwissenschaft nach unserem Dafürhalten eine höhere Relevanz und Wertigkeit in der fachspezifischen Forschung und Entwicklung erhalten. Diese müssen aber aus einer genuin theoretischen Perspektive - und nicht nur in Form von Best-Practice-Beispielen - bearbeitet werden. Und drittens wollen wir an dieser Stelle für Verständnis werben, dass der Diskussionsstand innerhalb von „Anwendungsdisziplinen” (und hierbei ist der Sport nur eine von vielen) nicht so ausdifferenziert sein kann, wie in der Fachcommunity E-Learning selber.
Abstrahiert man von den genannten Umständen, dann sind der Sport und die Sportwissenschaft aus Perspektive des E-Learnings ein dankbarer Gegenstand! So ist der Einsatz audiovisueller Informationen in eher hermeneutisch orientierten Wissenschaftsdisziplinen nur von begrenztem Nutzen, ein bewegter Körper im Raum hingegen ist z.B. für Videoreflexion sehr interessant. In vielen anderen Kontexten kämpft man mit hohen Drop-Out-Raten, wenn es um E-Learning geht, im Sport finden sich Aktive, die ihren Sport aus intrinsischer Motivation heraus betreiben. Informelles Lernen ist aktuell ein Hype-Thema beim E-Learning, in Sportvereinen ist dies seit Jahrzehnten gelebte und bewährte Praxis. Und natürlich gibt es auch zahlreiche Projekte innerhalb der Sportwissenschaft, die sich den Einsatz von Learning Management Systemen auf die Fahnen geschrieben haben; um die Organisation des Studiums zu erleichtern und um lästige Zettelwirtschaft zu vermeiden. Kurzum: Die Voraussetzungen sind also nicht schlecht um E-Learning einzusetzen.
Der Bezug zwischen Sport und E-Learning - das sollten die bisherigen Ausführungen gezeigt haben - ist ambivalent, umfasst mitunter auch neue Facetten, als die bislang in der E-Learning-Community bekannten. Aus diesem Grund hatten wir uns im Ausschreibungstext für das Themenheft „E-Learning in Sport und Sportwissenschaft” auf zwei Perspektiven verständigt: (a) Beiträge zur bewegungsorientierten Kompetenzentwicklung, z.B. Programme für AthletInnen, TrainerInnen, SportlehrerInnen und (b) Beiträge zur sportspezifischen Organisationsentwicklung, z.B. Programme zu Sportinternaten oder in Sportverbänden. Der Aufruf ging an alle universitären und außeruniversitären Organisationen des Sports und der Sportwissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz und wurde von den fachwissenschaftlichen Gesellschaften der Länder, der bereits genannten Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), der Österreichischen Sportwissenschaftlichen Gesellschaft (ÖSG) und dem schweizerischen Bundesamt für Sport (BASPO), unterstützt. Im vorliegenden Themenheft können wir vier Beiträge vorstellen:
- Andreas Hebbel-Seeger von der Universität Hamburg geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob ein Simulationstraining zum Segeln positive Lerneffekte auf den Einsatz im Segelboot hat. Eine quasi-experimentelle Studie gibt hier interessante Hinweise.
- Roland Leser sowie Manfred Uhlig und Johannes Uhlig von der Universität Wien haben in den letzten Jahren eine E-Learning-Anwendung zum Erlernen der Fußballtaktik entwickelt. In ihrem Beitrag stellen sie diese Entwicklung genau vor und geben Einblicke in eine Evaluationsstudie.
- Ingo Keller von der Universität Koblenz-Landau begründet in seinem Beitrag, wie er sich ein Blended Learning Szenario für die universitäre Leichtathletikausbildung konzeptionell vorstellt, wobei das Thema Video eine zentrale Rolle spielt.
- Der abschließende Beitrag fokussiert den Einsatz digitaler Bildungsressourcen in multiplen Kontexten: Roberta Sturm von der Universität des Saarlandes erläutert unter Berücksichtigung des Open-Education-Ressourcen-Ansatzes die internetbasierten Angebote des Hochschul-Bildungsnetzwerkes „Bewegung und Training”.
Lassen Sie uns abschließend noch einen Blick nach vorne wagen, in den Prozess der zukünftigen Implementierung von E-Learning in Sport und Sportwissenschaft: Welche Potenziale werden entstehen, welche Szenarien sind zu erwarten, welche Entwicklungen werden erforderlich sein? Nicht zuletzt aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung werden neue Lösungen aus der Handlungsnotwendigkeit in den verbandseigenen, praxisorientierten Qualifikations- und Bildungsprozessen des organisierten Sports, also außerhalb der Sportwissenschaft und bestenfalls mit deren wissenschaftlicher Begleitung, entstehen. Eine besondere Relevanz wird dabei die Erwartung von Kindern und Jugendlichen an den organisierten Sport haben, schul-, studiums- oder berufsbegleitende Qualifikationen erwerben zu können, die innerhalb wie auch außerhalb (sic!) des Sportsystems eine hohe Wertigkeit für den individuellen Lebens- und Karriereverlauf haben sollen. Dass dabei das Thema E-Learning bei einer vom Deutschen Olympischer Sportbund (DOSB), dem nationalen Dachverband aller Spitzenfachverbände, Landessportbünde und Sportverbände mit besonderer Aufgabenstellung mit insgesamt fast 30 Mio. Mitgliedern verordneten Bildungs- und Qualitätsoffensive nicht fehlen darf, ist naheliegend, wird aber von den DOSB-Mitgliedsverbänden bis dato nur zögerlich angenommen, wenn überhaupt erkannt.
So sind in den nächsten Jahren neben der modellhaften Einführung von Web 2.0-gestützten Blended-Learning-Strukturen in Qualifikationsmaßnahmen, etwa in der Übungsleiter- und Trainerausbildung oder auch in der Vereinsmanagerqualifizierung, auch strategische Themen zur nachhaltigen Implementierung von neuen, digitalen Medien in den Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern von außeruniversitären Sportorganisationen mit dem Titel „e-Strategie” oder auch „e-Wissensmanagement” zu erwarten - vergleichbar mit Ansätzen und Vorgehensweisen, die in Unternehmen bereits Alltag sind und an Hochschulen sukzessive Einzug halten. Dies ist zumindest aus zweierlei Perspektive interessant: Einerseits werden hierdurch unweigerlich Prozesse der verbandsinternen Organisationsentwicklung stimuliert und die Frage nach dem zukünftigen Profil des Deutschen Olympischen Sportbundes und seiner Mitgliedsverbände gestellt. Und andererseits gab es bereits um die Jahrtausendwende einschlägige Strategieprojekte zur nachhaltigen Implementierung der neuen, digitalen Medien in die Aufgaben- und Tätigkeitsfelder des deutschen Sports, in denen Verbandsführungen wissenschaftlich Beratung und Zukunftsszenarien erarbeitet wurden - nachhaltige Effekte jedoch blieben aus. Man ist geneigt zu sagen: ad multos annos!
Und was ist mit der universitären Sportwissenschaft, den Fakultäten und Instituten an den Hochschulen? Wenn es beim Thema E-Learning hinreichende Anreize gibt, sei es durch Forschungsmittel, durch Qualifikationsstellen oder auch durch eine entsprechende Denomination bei der Ausschreibung von Professuren, wird für diese Wissenschaftsdisziplin die Möglichkeit eröffnet, die in Ansätzen bereits vorhandene, spezielle E-Learning-Forschung mit dem Schwerpunkt auf der menschlichen Bewegung(sleistung) voranzubringen und zu einem Alleinstellungsmerkmal im Kanon der Wissenschaftsdisziplinen auszubauen. Inhaltlich spricht sehr viel für eine Integration der neuen, digitalen Medien als Forschungs- und Entwicklungsperspektive in der Sportwissenschaft: (a) In der Sportpädagogik zur Unterstützung von bewegungs- und körperbezogenen Reflexionsprozessen in Schule und Verein, Prävention, Rehabilitation und Leistungssport, (b) in der Sportpsychologie zur Analyse und Intervention von Motivation, Emotion oder Stress im Wettkampf und Schulsport, (c) in der Sportsoziologie zur Konstruktion von geeigneten Organisationsmodellen für Vereine, Verbände oder Sportgymnasien und (d) in die Sportinformatik zur Konstruktion mobiler Visualisierungswerkzeuge oder 3D-Lernszenarien, um nur einige ausgewählte Disziplin-Perspektiven-Kombinationen zu nennen.
Abschließend möchten wir uns bei den HerausgeberInnen der Zeitschrift für das Interesse und das Vertrauen bedanken, die disziplinspezifische Perspektive aus Sport und Sportwissenschaft auf das Thema „E-Learning” mit einem eigenen Themenheft versehen zu haben und sie damit einer breiten E-Learning-Community zugänglich(er) zu machen. Den AutorInnen der Beiträge danken wir für ihre Arbeit, ihre Geduld, ihr Interesse und ihren Willen, aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung zu präsentieren und sich einem mehrstufigen fachlichen und redaktionellen Begutachtungsprozess über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten gestellt zu haben. Und letztlich hoffen wir, dass die in diesem Themenheft publizierten Beiträge die ihr angemessene Beachtung über die Grenzen der Sportwissenschaft hinaus erfahren und sich die Protagonisten von E-Learning in Sport und Sportwissenschaft bei ihrem Wirken in Forschung und Lehre bestärkt fühlen und vielleicht die bzw. der eine oder andere Kollegin und Kollege ihr bzw. sein Interesse an diesem Thema gefunden hat.
Saarbrücken & Augsburg, im September 2008
Christoph Igel & Frank Vohle
Stand: 06.09.2010 |
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