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E-Portfolios

3/2011 - 6. Jahrgang

Patricia Arnold

Editorial


Patricia Arnold

Patricia Arnold, Prof. Dr.
Hochschule München, Professorin für Sozialinformatik.
Arbeitsschwerpunkte: Hochschulentwicklung durch digitale Medien, Didaktisches Design im E-Learning, E-Portfolios, Communities of Practice

E-Portfolios – Kompetenzorientierung beim Lernen, Lehren und Prüfen?

Die Verwendung von E-Portfolios wird gegenwärtig in zahlreichen Bildungssektoren diskutiert: im schulischen Bereich, in der Lehrerbildung, an der Hochschule und auch im berufsbildenden Bereich. Der Begriff des „E-Portfolios“ wird dabei nicht einheitlich verwendet. Vielmehr gibt es eine große Anzahl von E-Portfolio-Konzepten, die sich in Form, Zweck und Zielsetzung je nach Einsatzkontext stark unterscheiden. Darüber hinaus sind zahlreiche Erwartungen an diese „digitalen Sammelmappen“ geknüpft. Insbesondere sind sie eng mit der zunehmenden Kompetenzorientierung in allen Bildungsbereichen verbunden. In E-Portfolios als Lehr- und Lernmethode wird die Chance gesehen, Lernende bei der Ausbildung ihrer Reflexionskompetenz, ihrer Problemlöse- und Lernstrategien zu unterstützen sowie individualisierte und kooperative selbst gesteuerte Bildungsprozesse zu begleiten (Arnold, Kilian, Thillosen & Zimmer, im Druck). Sie scheinen besonders geeignet das forschende Lernen an Hochschulen zu unterstützen (Reinmann & Sippel, 2011, S. 189ff.), aber auch Ergebnisse nicht formaler Lernprozesse und informell erworbene Kompetenzen sichtbar zu machen (Brahm & Seufert, 2007, S. 12).

E-Portfolios werden aber ebenso als alternative Form der Leistungsfeststellung und -bewertung eingesetzt (Häcker, 2005) – in der Annahme, damit die vielfach vorhandenen Brüche zwischen innovativen Lehr-/Lernsettings mit digitalen Medien und klassischen Prüfungsformen wie z.B. Klausuren zu vermeiden und dem kompetenzorientierten Prüfen näher zu kommen. Häufig wird gerade diese „Brückenfunktion“ (Häcker, 2005) zwischen Lernen, Lehren und Überprüfen des Lernerfolgs als der besondere Vorteil von E-Portfolios hervor gehoben. Gleichzeitig stehen E-Portfolios als Prüfungsform im Spannungsfeld zwischen Selektion und Förderung der Lernenden wie jede andere Prüfung auch (Reinmann & Sippel, 2011, S. 197). Vor diesem Hintergrund beleuchtet das Themenheft Anwendungsszenarien, Voraussetzungen sowie Erfolgsfaktoren bei der E-Portfolio-Arbeit anhand unterschiedlicher empirischer Studien.

Um die Implementierung von E-Portfolios in Lehr-/Lernsettings systematisch betrachten und auswerten zu können, benötigt man zunächst ein einheitliches Beschreibungsschema für die Fülle an unterschiedlichen E-Portfolio-Arten. Eine viel beachtete Taxonomie für E-Portfolios, auf die sich auch die Autorenteams dieses Hefts beziehen, haben Baumgartner, Himpsl & Zauchner (2009) entwickelt. Sie unterscheiden zunächst drei grundlegende Typen, das Reflexionsportfolio, das Entwicklungsportfolio und das Präsentationsportfolio.

Das Reflexionsportfolio dient primär der Begleitung und Dokumentation von Lernprozessen im Sinne der persönlichen Entwicklung der Lernenden, sei es als Lern- oder als Beurteilungsinstrument. Das Entwicklungsportfolio ist ebenfalls auf eine Entwicklung der Lernenden ausgerichtet, aber fokussiert die berufliche Laufbahn und hat somit eine größere Außenorientierung als das Reflexionsportfolio. Das Präsentationsportfolio ist vor allem für die Darstellung nach außen angefertigt und legt zumeist den Schwerpunkt auf Ergebnisse des Lernprozesses.

Eine weitere Differenzierungsebene betrifft die Frage nach den Eigentumsrechten: Im Personenportfolio sind die Erstellenden identisch mit den Eigentümern, im Organisationsportfolio sind Eigentums- und Erstellungsrechte unterschiedlich verteilt. Die dritte Differenzierungsebene betrifft die schwerpunktmäßige Ausrichtung auf Produkte (Produktportfolio) oder auf Prozesse (Prozessportfolio). Kombiniert man Grundtypen, Eigentumsrechte und Produkt bzw. Prozessorientierung ergeben sich zwölf verschiedene Portfolio-Ausprägungen.

Neben diesen begrifflichen Differenzierungen stellen sich aber noch eine Reihe weiterer zentraler Fragen, die bislang nur wenig empirisch bearbeitet sind und hier nur exemplarisch aufgeführt werden können: Wie kann in E-Portfolio-Arbeit eingeführt werden, welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, wie kann das Sichtbarmachen informell erworbener Kompetenzen konkret erfolgen, welche Einsatzszenarien gibt es und wie valide ist die Leistungsbewertung mit Hilfe von E-Portfolios?

Notwendig ist auch ein grundsätzlich kritischer Blick auf die „Hochkonjunktur“ von E-Portfolios in vielen Bildungssektoren, von Behrens (2001, S. 8) bereits als „Portfoliomanie“ bezeichnet. Insbesondere wenn E-Portfolios auch zur Bewertung eingesetzt werden, wird auf zahlreiche mögliche Deformierungen der Portfolie-Idee hingewiesen (Reinmann & Sippel, 2011, S. 195ff, auch „defensives Reflektieren“ Häcker, 2005, S. 7). Noch grundsätzlicher ist die Frage zu stellen, ob E-Portfolios neoliberale Tendenzen der zunehmenden „Ökonomisierung des Selbst“ unterstützen (Häcker, 2011; Münte-Goussar, 2011; zur „Ambivalenz von E-Portfolios in Bildungsprozessen“ vgl. allgemein Meyer, Mayrberger, Münte-Goussar & Schwalbe, 2011).

Die Beiträge in diesem Heft

Die Autorinnen und Autoren des Themenheftes tragen mit ihren Texten zur Klärung der angeführten Fragen bei und verbessern die empirische Grundlage in der E-Portfolio-Forschung.

Sippel, Kamper und Florian widmen sich der Frage der systematischen Einführung in die E-Portfolio-Arbeit an der Hochschule. Sie zeigen zunächst die Notwendigkeit einer solchen Einführung auf und skizzieren dann das didaktische Konzept eines virtuellen Einführungskurses, der auf einem Rollenspiel basiert und Text-Collagen als innovatives Format der Inhaltsdarbietung nutzt.

Ebenfalls ein didaktisches Konzept steht im Mittelpunkt des Beitrags von Himpsl-Gutermann und Bauer. Hier geht es um die komplexe Verzahnung verschiedener Stufen der Lehreraus- und -Weiterbildung mit Hilfe von E-Portfolios. Eine exemplarische Analyse bereits eingesetzter E-Portfolios aus der Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern ergänzt den Beitrag.

Bäcker, Cendon und Mörth berichten von den Erfahrungen mit einer hochschulweiten Nutzung von E-Portfolios im berufsbegleitenden, weiterbildenden Studium. Sie fokussieren die Frage, wie E-Portfolios genutzt werden können, um Kompetenzen, auch im beruflichen Alltag erworbene, sichtbar zu machen:

Im Beitrag von Egloffstein und Frötschl geht es um E-Portfolios als Bewertungsinstrument. Die konkrete Realisierung einer Bewertung mit Hilfe von E-Portfolios wird vorgestellt und mittels einer  empirischen Untersuchung überprüft, ob das E-Portfolio hier ein geeignetes Maß für den Lernerfolg darstellte.

Fazit

E-Portfolio-Arbeit stellt ein komplexes Handlungs- und Forschungsfeld dar. Die Aufsätze helfen, den Einsatz von E-Portfolios zur stärkeren Kompetenzorientierung beim Lernen, Lehren und Prüfen in seinen Chancen und Grenzen auszuloten und bieten mit den dargestellten Konzepten ebenso wie mit den Ergebnissen der empirischer Untersuchungen einen guten Einblick in die vielschichtige E-Portfolio-Landschaft. Die vorgenommenen Differenzierungen und Kontextualisierungen können Bildungsverantwortlichen in der Praxis konkrete Anregungen liefern, enthalten aber zugleich auch wertvolle Anschlussperspektiven für zukünftige Forschung.

 

Literatur

Arnold, P., Kilian, L., Thillosen, A. & Zimmer, G. (im Druck). Handbuch E-Learning. Lehren und Lernen mit digitalen Medien. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Baumgartner, P., Himpsl, K. & Zauchner, S. (2009). Einsatz von E-Portfolios an (österreichischen) Hochschulen: Zusammenfassung- Teil I des BMWF-Abschlussberichts „E-Portfolio an Hochschulen“: GZ 51.700/0064-VII/10/2006. Forschungsbericht. Krems: Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien, Donau Universität Krems.

Behrens, M.(2001). Denkfiguren zum Portfoliosyndrom. journal für lehrerinnen- und lehrerbildung, 1(4), 8-16.

Brahm, T. & Seufert, S. (2007). E-Assessment und E-Portfolio zur Kompetenzentwicklung: neue Potenziale für Ne(x)t Generation Learning. In: Brahm, T. & Seufert, S. (Hg.): „Ne(x)t Generation Learning“: E-Assessment und E-Portfolio: halten sie, was sie versprechen? (S. 2–26).St. Gallen: SCIL, Universität St. Gallen.

Häcker, T. (2005). Das Portfolio als Instrument der Kompetenzdarstellung und reflexiven Lernprozesssteuerung. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 8, hgg. von Tramm, Tade / Brand, Willi; http://www.bwpat.de/ausgabe8/txt/haecker_bwpat8-txt.htm (03.03.2011).

Meyer, T., Mayrberger, K., Münte-Goussar, S. & Schwalbe, C. (Hrsg.) Kontrolle und Selbstkontrolle. Zur Ambivalenz von E-Portfolios in Bildungsprozessen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Reinmann, G. & Sippel, S. (2011). Königsweg oder Sackgasse? E-Portfolios für das forschende Lernen. In: Meyer, T., Mayrberger, K., Münte-Goussar, S. & Schwalbe, C. (Hrsg.): Meyer, Torsten / Mayrberger, Kerstin / Münte-Goussar, Stefan / Schwalbe, Christina (Hg.): Kontrolle und Selbstkontrolle. Zur Ambivalenz von E-Portfolios in Bildungsprozessen (S. 185–202).Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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Stand: 19.03.2012  |  RSS-Icon RSS  |  News  |  Intern  |  Impressum  |  Sitemap  |  © 2006 – 2012 StudienVerlag

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