Die internationale Bewegung zu Open Educational Resources (OER oder wie wir es für diese deutschsprachige Zeitschrift übersetzt haben: Freie Bildungsressourcen) hat in den letzten Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Namhafte Organisationen, internationale Vereinigungen und Konsortien weltweit renommierter Universitäten haben sich der Thematik angenommen und fördern deren Weiterentwicklung auf unterschiedlichen Ebenen. Die Thematik ist vielfältig und interdisziplinär angelegt und reicht von Fragen der technischen Standardisierung über organisatorische Integrationsbemühungen, Content-Entwicklungsmodelle, Fragen des Aufbaus einer Community, wirtschaftliche Geschäftsmodelle bis hin zu pädagogisch-didaktischen Problemstellungen.
Das OER-Thema scheint im deutschsprachigen Raum noch weniger entwickelt zu sein, trotzdem lassen sich Anzeichen erkennen, die dafür sprechen, dass Freie Bildungsressourcen auch hier an Bedeutung gewinnen: Beispielsweise lassen sich ein Viertel der in den letzen beiden Jahre für den mediendidaktischen Hochschulpreis (MedidaPrix) eingereichten Projekte als OER-Projekte klassifizieren. Mit diesem Heft soll die OER-Bewegung auch im deutschsprachigen Raum noch stärker in die Öffentlichkeit gebracht und vor allem die mit der Thematik verbundenen Schwierigkeiten aber auch Potenziale näher beleuchtet werden.
Was sind die Potenziale bzw. Hindernisse der OER-Bewegung auf unterschiedlichen Handlungsebenen und wie können diese umgesetzt bzw. überwunden werden? Markus Deimann und Theo Bastiaens von der FernUniversität Hagen stellen sich dieser Frage im Rahmen einer Delphi-Befragung mit deutschsprachigen OER-ExpertInnen. Mit ihrer Untersuchung wählen sie einen – bisher weitgehend fehlenden und häufig urgierten – empirischen Zugang zur Beantwortung der Fragestellung. Die Autoren richten den Fokus auf die Mikroebene, in dem Hochschulangehörige zu ihren Erfahrungen und Erwartungen mit der Thematik untersucht wurden. In der Untersuchung wurden vier zentrale Hürden – kulturelle Einschränkungen, die Verfügbarkeit von zu wenigen Materialien/Initiativen, sowie rechtliche und technische Hürden – identifiziert. Im Hinblick auf die Integration von OER in der Hochschullehre sprachen sich die befragten ExpertInnen klar für einen Top-Down-Ansatz aus. Sie machen auch darauf aufmerksam, dass eine Universität mit OER ihr Profil schärfen und sich besser im globalen Wettbewerb positionieren könne. Die Strategie, dass sich OER im Rahmen von geschlossenen Fachcommunities sehr viel besser verbreiten als im freien WWW, trifft auf Zustimmung aller Befragten.
Was muss gegeben sein, damit Freie Bildungsressourcen in unterschiedlichen (kulturellen) Kontexten genutzt und wiederverwertet werden? Mit dieser Frage setzen sich zwei Beiträge des vorliegenden Themenheftes auseinander.
Um die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von freien Bildungsressourcen zu erhöhen, hat die Europäische Kommission im Rahmen des eContentplus-Programmes eine Reihe von Projekten gefördert. Im Beitrag von Marco Kalz, Roland Klemke, Stefaan Ternier und Marcus Specht von der Open University of the Netherlands werden Erfahrungen aus einigen dieser Projekten vorgestellt und diskutiert: Die Autoren schließen, dass insbesondere das Applikationsprofil kritisch für den Erfolg eines OER-Projektes ist, es muss die Verständlichkeit für die EndnutzerInnen, die Wartbarkeit, die Vollständigkeit und die Korrektheit der verwendeten Terminologien und Strukturen berücksichtigen. Weiters gehen sie davon aus, dass der Erstellungsprozess für Metadaten auf die verfügbaren Metadatenquellen abgestimmt sein muss. Verschiedene Quellen erfordern verschiedene Generierungsprozesse. Der individuelle manuelle Aufwand muss so klein wie möglich gehalten werden. Schließlich erleichtert eine gute Visualisierung der Metadaten den Zugang zu den gesammelten Metadaten.
Mit dem kulturellen Kontext von Freien Bildungsressourcen beschäftigt sich Thomas Richter von der Universität Duisburg-Essen. Eine internationale Verbreitung von OER ist u.a. davon abhängig, ob bereitstehende Inhalte an den jeweiligen Kontext angepasst werden können: Der Beitrag befasst sich mit studierendenspezifischen, kulturell motivierten Einflussfaktoren auf Lernsituationen. Der Autor geht von der Annahme aus, dass E-Learning insbesondere bei Nutzung von OER nur dann eine weltweit deckende Verbreitung erreichen kann, wenn die Lernressourcen zur Vermeidung von Konflikten während des Lehrprozesses auch an den Kontext der Studierenden angepasst, bzw. wenn die Konflikte, die durch eine unzureichende Passung hervorgerufen werden, produktiv aufgearbeitet werden können. Dieser auf Lernende fokussierte Ansatz ermöglicht nach Richter nicht nur eine Entscheidung über ggf. vorhandenen Adaptionsbedarf von Lernressourcen, sondern erlaubt es AnbieterInnen von Lehrmaßnahmen auch dahingehend zu unterstützen, dass sie sich auf zu erwartende kulturelle Unterschiede der Lernenden vorbereiten.
Das vorliegende Themenheft bietet weiters drei Kurzberichte über einzelne OER-Initiativen und Pilotprojekte, die sich als Best-Practice-Beispiele in spezifischen Einsatzkontexten qualifizieren.
Tobias Zielke und Dirk Dittmann von der Universität Siegen bzw. dem Berufsbildungszentrum der Kreishandwerkerschaft Märkischer Kreis e.V. liefern ein Praxisbeispiel über den Aufbau einer Freien Bildungsressource in der dualen Erstausbildung im Handwerk „http://www.baustein-netzwerk.de“ und stellt deren Einsatz im Unterricht dar. Im Fokus der Betrachtung steht der/die Lernende, der/die das Baustein-Netzwerk durch die selbstständige Produktion von digitalen Medien (Bausteine) füllt. Die so produzierten Bausteine unterstützen in der Folge den Lernenden bei der kognitiven Verknüpfung der verschiedenen Lernorte. Der Produktionsprozess selbst fordert und fördert die Mitverantwortlichkeit des/der Lernenden als GestalterIn von Schule und Beruf. Das hier dargestellte Projekt wird in unterschiedlichen Gewerken umgesetzt (z.B. KFZ, Maler u. Lackierer, Konditoren).
Andrea Fausel und Slavica Stevanović von der Universität Tübingen betrachten die Erschließung von Lernmodulen („Tübinger Mediävistik Lernmodule“) aus dem Blickwinkel von Bibliotheken. Bis dato waren hierfür keine eigenen Kategorien und Geschäftsgänge vorgesehen. Entsprechende Neuerungen wurden für Tübingen und ganz Baden-Württemberg angestoßen und z.T. bereits umgesetzt: Durch die Vernetzung der Bibliothekskataloge und URNs wird die dauerhafte Auffindbarkeit und Verbreitung gewährleistet. Lernmodule können zudem in die allgemeine Hochschulbibliographie eingehen und sind somit auch für die Außendarstellung von Hochschulen relevant. Für die Veröffentlichung werden zwischen der Bibliothek und den AutorInnen/HerausgeberInnen Verträge analog zu anderen elektronischen Hochschulpublikationen geschlossen.
Peter Riegler und Gerd Kortemeyer von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften bzw. der Michigan State University setzen sich schließlich mit dem Mehrwert freier elektronischer Übungsaufgaben in MINT-Fächern auseinander. Ziel des LON-CAPA Projektes http://www.loncapa.org ist es, durch Kollaboration von Lehrenden über Institutionsgrenzen hinweg Lernenden wirksame Lehr- und Übungsmaterialien an die Hand zu geben. In naturwissenschaftlich-technischen Fächern gibt es inzwischen eine an elektronischen Entwicklungszyklen gemessene lange Tradition der freien Bildungsressourcen. Dabei spielen elektronische Übungsmaterialien, insbesondere Aufgaben, eine besondere Rolle. LON-CAPA hält Ressourcen feingranular vor, also in der Größe, bei der eine weitere Unterteilung nicht mehr sinnvoll wäre. Intrinsische Abhängigkeiten von anderen Ressourcen werden auf dieser Ebene vermieden. Andererseits können Lehrende innerhalb von LON-CAPA feingranulare Ressourcen zu größeren Verbünden bis hin zu ganzen Kursen bündeln, die durch das eingebaute Kursverwaltungssystem direkt im Lehrbetrieb eingesetzt werden können. Solche grobgranularen Verbünde sind ebenfalls wieder verwendbar. Jede Ressource für sich ist kontextfrei, der Kontext wird stattdessen dynamisch durch LON-CAPA erzeugt. Das Copyright der Ressourcen verbleibt bei den AutorInnen, welche bei deren Veröffentlichung die Nutzungs- und Quellcodezugriffsrechte festgelegen. In LON-CAPA stellen derzeit Lehrende an den über 140 Partnerinstitutionen anderen Lehrenden über 340.000 Online-Inhalte (Seiten, Bilder, Filme, Applets etc.) bereit, darunter über 140.000 Online-Übungsaufgaben.
Die oben vorgestellten Beiträge tragen zum Verständnis eines internationalen Phänomens bei, das noch am Anfang seiner Erforschung steht, dem jenseits vom „großen Hype“ jedoch hohes Potenzial zugesprochen wird. Der/die Herausgeber/in des Themenheftes bedanken sich bei den AutorInnen der vorliegenden Beiträge dafür, Einblick in ihre Forschungs- und Entwicklungsergebnisse gegeben und so zur Vervollständigung des Mosaiks „Freie elektronische Bildungsressourcen“ beigetragen zu haben.
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