Seit der Computer Einzug in einige Klassenzimmer Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gehalten hat, wird unter pädagogisch-didaktischen Aspekten diskutiert, welche Chancen sich für das Lehren und Lernen dadurch ergeben. Die eigentlich umfassende Revolution war jedoch die Initiative „Schule ans Netz“ Mitte der 1990er Jahre, als die damalige Bundesregierung zusammen mit großen Unternehmen begann, alle Schulen mit einem Internetanschluss auszustatten. Dies ist sicher auch gelungen, wie aktuelle Zahlen zeigen (KMK, 2008), jedoch – so sind sich viele PädagogInnen sicher – besteht ein Defizit bezüglich einer veränderten Lernkultur, die Computer und Internet sinnvoll in Schule und Unterricht einbettet. Neben vielen Softwareangeboten, die als Lernsoftware firmierten und glauben machten, dass dadurch in der Schule besser gelernt werden könnte, spielte dann doch das Internet, oder besser gesagt die Vernetzung und zwar innerhalb der Schule, zwischen Schulen und in das Internet, eine große Rolle.
Damit sind die ersten Ansätze für E-Learning in der Schule gelegt worden, die nun von mehreren Seiten aus unterstützt wurden: Auf der Ebene der schulischen Praxis haben viele LehrerInnen – auch schon in der Grundschule – begonnen, das Internet als Lerngegenstand im Sinne der Vermittlung von Medienkompetenz als auch als Möglichkeit, selbstbestimmt Lernaufgaben zu bearbeiten, in den Unterricht einzubeziehen. In den letzten Jahren wurden diese Anstrengungen durch Einbeziehung von CMS und LMS verstärkt, wobei vor allem Moodle eine große Rolle spielt, da es anscheinend einfach zu administrieren und benutzerfreundlich ist (Hoeksam & Kuhn, 2008). Dazu werden in diesem Heft zwei Beispiele vorgestellt.
Schul- und bildungspolitisch wurden diese Entwicklungen unterstützt, indem auf Seiten der Schulträger und auch der Schulministerien zum einen die politischen Weichen dafür gestellt wurden, das Internet stärker in den Unterricht einzubeziehen, zum anderen aber auch durch eine Vielzahl von Projekten, die medientechnologische und administrative bzw. supportbezogene Infrastruktur dafür zur Verfügung stellten. Zugleich hat sich die Initiative „Schulen ans Netz“ in dem Sinne weiterentwickelt, dass auch dort E-Learning-Strukturen aufgebaut wurden, wie etwa das von LehrerInnen vielbenutzte lo-net in Deutschland. Im Sinne eines „vernetzten Schulraums“ können sich Schulen und andere Bildungsinstitutionen dort virtuelle Lern- und Kommunikationsräume schaffen, an denen Lehrpersonen, SchülerInnen und manchmal sogar auch Eltern beteiligt werden. E-Learning wird auch als Teil von Schulentwicklung verstanden und sollte in ein entsprechendes Schulprofil eingebunden werden. Dies bedeutet, dass der Einsatz neuer Medien, hier der Ansatz von E-Learning, verbunden werden sollte mit einer veränderten Lernkultur, die wiederum eine veränderte Organisationsstruktur der Schule verlangt, um die pädagogischen Chancen des selbstbestimmten Lernens mit Computer und Internet angemessen nutzen zu können.
Weiterhin hat die Medienentwicklung selbst dazu beigetragen, E-Learning in die Schule zu bringen. Vor allem die Möglichkeiten des Web 2.0 wie etwa Weblogs, Wikis und Podcasts werden aktuell verstärkt genutzt, um die mit E-Learning verbundene konstruktivistische Lernkultur im Schulraum zu etablieren. Weblogs werden als Lerntagebücher, Wikis zum kooperativen Schreiben genutzt, und Podcasts bieten SchülerInnen die Chance, selbstgewählte Themen didaktisch aufbereitet ihren MitschülerInnen anzubieten. Dies sind nur einige Beispiele, wie sich E-Learning über Medientechnologie in der Schule etablieren kann.
Trotz dieser positiven Entwicklungen muss zugleich aber auch gesagt werden, dass noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten ist. Dies wird sofort deutlich, wenn man einen Blick in andere Länder wirft, in denen schon länger und stärker Computer und Internet in die Schule Einzug gehalten haben. Viele LehrerInnen in Deutschland haben noch Vorbehalte gegen das Lehren und Lernen mit Computer und Internet, auch wenn dies in Modellprojekten von den Schulministerien unterstützt und gefördert wird. Da dürfte auch die Lehrausbildung eine Rolle spielen. Solange an den Universitäten und den Pädagogischen Hochschulen die dort Lehrenden selbst nicht verstärkt E-Learning als Chance zum selbstgesteuerten Lernen sehen und sich gegen neue Medien in ihrer eigenen Lehre wehren, als auch die Curricula medienpädagogische Themen nicht vorsehen, wird sich auch bezüglich der Einstellung und Motivation von Lehramtsstudierenden wenig ändern.
Nicht zuletzt muss aus wissenschaftlicher Sicht gesagt werden, dass es zur Frage des sinnvollen Einsatzes von Computer und Internet und dessen Erfolg kaum empirische Studien gibt. Vieles verbleibt auf der Ebene von Erfahrungsberichten aus der Sicht der beteiligten Lehrpersonen und in Form von Projektberichten aus entsprechenden Modellversuchen, die dann nur vereinzelt auf ausgewählten Tagungen präsentiert werden. Hier besteht ein großer Nachholbedarf, damit gut begründet und wissenschaftlich fundiert E-Learning in der Schule in Zukunft als eine (pädagogische) Selbstverständlichkeit angesehen werden kann (Hettinger, 2008).
Die hier vorgestellten Perspektiven werden in den folgenden Aufsätzen aufgegriffen und angesprochen. Der Beitrag von Andreas Breiter und Stefan Welling geht auf die besondere Bedeutung von E-Learning für den Prozess der Schulentwicklung ein. Ausgehend von den Chancen, die E-Learning im schulischen Betrieb als Erweiterung des Präsenzlernens bieten, nämlich eine stärkere Verzahnung von schulischem und häuslichem Lernen, neue Online-Lernangebote sowie Gestaltung von virtuellen Lernumgebungen, werden anhand von internationalen Fallstudien die Möglichkeiten und Potenziale von Schulentwicklung durch digitale Medien aufgezeigt. Für den schulischen Einsatz von Computer und Internet bedeutet dies, dass E-Learning im Kontext der Entwicklung von Inhalten, dem Aufbau eines Supportsystems, der Zurverfügungstellung eines Learning Management Systems (LMS) als auch der LehrerInnenbildung stehen muss. Die ausgewählten Fälle auf der Grundlage von Internetrecherchen präsentieren vor allem innovative Implementierungsansätze, eine spezifische Strategie für den Einsatz von E-Learning sowie die Bereitstellung eines LMS für die gesamte Schule. Die Studien, die sich auf Einzelfälle in Kanada, Deutschland, Schweiz und Österreich beziehen, machen deutlich, dass vor allem die Entwicklung von Strategien der Schulentwicklung beim Einsatz von E-Learning ein wichtiger Faktor für Innovation ist, wobei es vor allem darum geht, dass eine gesamte Schule oder ein Schulbezirk bei diesem Prozess mitmacht. Auch die Bereitstellung von Supportsystemen und Inhalten ist wichtig. Es mangelt jedoch bei den analysierten Fällen vor allem an der LehrerInnenbildung, entweder in der Aus- oder in der Fortbildung. Dieser Faktor wird immer wieder als sehr bedeutsam für die Nachhaltigkeit und die Qualität der Implementierung von E-Learning an Schulen gesehen.
Dominik Petko und Thomas Moser vertiefen diesen Blick auf den Einsatz von LMS an Schweizer Schulen durch eine empirische Studie. Sie haben dazu die Logdaten des Schweizer Systems educanet2 untersucht sowie begleitend dazu eine Onlinebefragung von AdministratorInnen, Lehrpersonen sowie SchülerInnen durchgeführt. Die Frage war, wofür Schulen educanet2 überwiegend nutzen. Sie konnten dazu insgesamt vier unterschiedliche Typen isolieren, die sich als eine Matrix mit entweder starker oder schwacher Ausprägung bezüglich einer Nutzung für Unterrichtszwecke, also eine pädagogisch-didaktische Orientierung, und eine Nutzung für organisatorisch-administrative Zwecke wie etwa Kommunikation innerhalb der LehrerInnengruppe, bildet. Es zeigt sich, dass an prominenter Stelle der LMS-Nutzung E-Mail und Dateiablage stehen. Diese Werte unterstreichen das Ergebnis der Studie, dass der Einsatz von E-Learning in den untersuchten Schweizer Schulen die Potenziale, die die digitalen Medien und ihre komplexen Formen bieten, noch unterentwickelt ist. Online-Lernen lässt sich kaum finden. Gleichermaßen wie im Beitrag von Breiter und Welling wird der Aspekt der Schulentwicklung bzw. die Unterstützung durch die Schulleitung als bedeutsam für die Verbreitung von E-Learning an Schulen eingeschätzt.
Einen Schritt weiter in der Anwendung von E-Learning in Schulen gehen die Beiträge von Claudia Warth und von Alexander König. Claudia Warth zeigt am Beispiel der interkulturellen Kommunikation im Englischunterricht auf, welche Chancen ein LMS, konkret hier Moodle, bieten kann. Dabei wird der Onlinekontakt zwischen SchülerInnen einer amerikanischen und einer deutschen Schule als „dritter Ort“ zwischen dem Klassenzimmer und einem Austauschprogramm gesehen. Dort lässt sich dann „interkulturelle Kommunikation“ zur Stärkung einer interkulturellen Kompetenz ermöglichen, indem neben E-Mail auch gemeinsame Kursangebote für SchülerInnen beider Kulturen zur Verfügung gestellt werden. Der Beitrag veranschaulicht sehr gut, dass E-Learning nur dann produktiv und qualitativ gelingen kann, wenn es in einen entsprechenden didaktischen Ansatz eingebettet wird. Dieser sollte, so die Argumentation, konstruktivistisch orientiert sein und entsprechend authentisches Material und Szenen für das interkulturelle Lernen zur Verfügung stellen, mit denen die SchülerInnen sich autonom auseinandersetzen. LMS bieten dazu Möglichkeiten, indem in den Kursräumen Materialien und dazu zugeordnet Kommunikationsräume zur Verfügung gestellt werden.
In die gleiche Richtung argumentiert der Beitrag von Alexander König, der den Einsatz von Moodle im Geschichtsunterricht verdeutlicht. Es wird betont, dass sinnvolles E-Learning immer im didaktischen Kontext gesehen werden muss. Ausführlich werden hierzu die Entwicklungen der Geschichtsdidaktik referiert und jene Stellen aufgezeigt, an denen der Einsatz von LMS sinnvoll erscheint. Historisches Lernen lässt sich dann so gestalten, dass SchülerInnen anhand von in Moodle zur Verfügung gestellten Materialien selbstständig Themen und Aufgaben bearbeiten und dabei dieses LMS als Plattform für Information, Kommunikation und Kooperation benutzen. Zugleich wird aber in dem Beitrag auch aufgezeigt, wie eine Evaluierungsstrategie für den Einsatz eines LMS aussehen sollte, von der Lehrpersonen als auch SchülerInnen profitieren.
Spielt nun E-Learning in der Schule eine bedeutende Rolle und was sind Entwicklungstendenzen? Eine Einschätzung dieser Fragen hängt davon ab, was erwartbar ist. Geht man in die Praxis schulischen Lernens, dann ist dort Vieles noch an einer traditionellen Lernkultur ausgerichtet. Zugleich gibt es aber auch eine Vielzahl von engagierten und innovativen Beispielen, die entsprechende Veränderungsprozesse deutlich machen. Dabei hängt es häufig davon ab, welches Engagement einzelne Lehrpersonen zeigen und inwiefern sie dabei von der Schulleitung unterstützt werden. Die wenigen bisher vorliegenden Ergebnisse zeigen aber auch, dass der Einsatz von E-Learning sich häufig auf einfache Formen wie virtuelle Handapparate, Materialdepots und E-Mail beschränkt. Web 2.0-Anwendungen haben dagegen kaum ihren Weg in Schulen gefunden. Um entsprechende Entwicklungen unterstützen zu können, muss – und dies kann als ein Fazit angesehen werden – vor allem in der LehrerInnenbildung etwas passieren, damit angehende LehrerInnen die pädagogischen Chancen und Potenziale von E-Learning in ihren eigenen Lernprozessen kennen und schätzen lernen.
Literatur
Hettinger, J. (2008). E-Learning in der Schule: Grundlagen, Modelle, Perspektiven. München: KoPaed.
Hoeksam, K. & Kuhn, M. (2008). Unterrichten mit Moodle. München: Open Source Press.
KMK (Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland) (2008). Dataset – IT-Ausstattung der Schulen Schuljahr 2007/2008. Bonn.
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