Das Interesse an technisch unterstützten Prüfungen (E-Assessment) hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Nicht nur vor dem Hintergrund eines steigenden Prüfungsaufkommens durch den Bologna-Prozess und Large-Scale-Assessments werden Fragen der Automatisierung von Testdurchführung und -auswertung bedeutsam. Auch im Kontext von Unternehmensanwendungen werden zunehmend E-Recruitments und E-Testing in der Personalauswahl und -entwicklung eingesetzt. Gleichzeitig wächst die Hoffnung, mittels multimedialer E-Assessments neue kompetenzorientierte Prüfungsformen realisieren zu können. In der prüfungsdidaktischen Diskussion rückt das Prüfen für das Lernen, also formative lernbegleitende Formen in den Mittelpunkt (Black et al., 2003). Hier verspricht man sich durch digitale Medien Unterstützung bei der Umsetzung von alternative assessment Verfahren. Vor dem Hintergrund des beträchtlichen technischen, organisatorischen und finanziellen Aufwandes zur Einführung und Verstetigung von E-Assessment fokussiert dieses Themenheft mögliche Beiträge zur Verbesserung von Prüfungsqualität.
Gute Prüfungen sollen den Nachweis erbringen, dass die zu prüfenden Personen die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten anwenden können. Reine Wissensprüfungen können dies nicht leisten, da sie der Gefahr unterliegen, zwei Fehler zu machen: fälschliches Zuschreiben von Können aufgrund von Wissen (träges Wissen) sowie irrtümliches Vermuten von Nicht-Können aufgrund von Nicht-Wissen (implizites Wissen) (Neuweg, 2001, S. 202). Welchen Beitrag über reine Wissensprüfungen hinaus können nun E-Assessments leisten?
Als Vorteile technologieunterstützter Prüfungsverfahren nennen Jude und Wirth (2007, S. 50ff.) die Möglichkeit zur Erfassung komplexer und dynamischer Problemlösefähigkeit, die Darbietung multimedialer Aufgaben- und Testformate (z.B. Hörbeispiele in der Musik zur Identifikation von Akkordstrukturen) sowie die Erfassung von Verhaltensbereichen, die über die Möglichkeiten von Papier und Stift hinausgehen. Häufig erfordern aber diese Formate hohe Entwicklungskosten, die nur mittels gemeinsamer Entwicklung (AutorInnenkollektive) und/oder durch Mehrfachnutzung zu finanzieren sind. Hierfür bieten sich vor allem standardisierte Lerninhalte an, wie z.B. in der Medizin beim künstlichen Patienten (Heidelberg Anästhesie- und Notfall-Simulator).
Technisch weniger aufwändig und auch für Prüfungszwecke einzelner Veranstaltungen an Universitäten einfacher realisierbar ist dagegen die Bereitstellung authentischer Problemstellungen, die direkt am Computer mit Standardsoftware zu lösen sind. Bei vielen Fächern wird sich dies sogar aufdrängen, da die zu Prüfenden ja auch in ihren zukünftigen Arbeitsumfeldern sehr viel an Rechnern arbeiten werden. Wieso sollte zum Beispiel eine angehende Informatikerin oder ein zukünftiger Statistiker nicht eine Prüfungsaufgabe mit einer Entwicklungsumgebung oder Statistiksoftware lösen sollen? Ein Beispiel für ein solches Verfahren zur Messung von Schlüsselkompetenzen wie kritisches Denken oder komplexes Problemlösen ist der Collegiate Learning Assessment Test (Shavelson, 2008).
Formative Prüfungsformen werden zunehmend als zentrales Werkzeug zur Unterstützung von Lernprozessen verstanden (Gielen, Dochy & Dierick, 2003). Die entsprechenden Methoden des alternative assessment sind vielfältig. Insbesondere Portfolio, Lernkontrakte, Beobachtungen im Prozess, Selbstbewertung, wechselseitige Bewertung, beauftragte Bewertung (jeweils mit Rückmeldebögen), Lerntagebücher, Leistungspräsentationen sowie Zertifikate bieten sich für eine Unterstützung durch E-Assessment-Dienste an. Diese Formen passen dabei zunehmend in die Lebenswirklichkeit von Lernenden, die im "sozialen Netz" eine zunehmend partizipative Rolle einnehmen (Reinmann, 2007). Auch wenn die ausschließliche Nutzung dieser Prüfungsformen für sogenannte "high stakes" Prüfungen wie z.B. Abschlussprüfungen wegen Probleme bei der Vergleichbarkeit von Prüfungsleistungen kritisch kommentiert wird (Maclellan, 2004), wächst deren Bedeutung für eine E-Prüfungs- und Übungsdidaktik.
Die Beiträge in diesem Heft
Zur oben beschriebenen Diskussion leisten die Beiträge in diesem Themenheft hervorragende Impulse und zeigen die mögliche Themenbreite des Forschungsfeldes auf. Dabei wird deutlich, dass die Forschung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) zu E-Assessment zunehmend an die internationale Diskussion anschließen kann.
Der Beitrag von Kortemeyer und Riegler gibt einen guten Überblick über den gewinnbringenden Einsatz von E-Assessment in der Hochschullehre mittels verschiedener technischer Realisierungen. Dabei wird E-Assessment nicht nur in der (summativen) Prüfungsdurchführung eingesetzt, sondern auch in der Vor- und Nachbereitung von Prüfungen. Gleichzeitig werden auf Probleme einer Übertragung US-amerikanischer Erfahrungen hingewiesen.
Auch Gruttmann und Kuchen stellen den Einsatz von E-Assessment im Übungsbetrieb am Beispiel des Informatikstudiums in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Am Beispiel eines über reine Wissensprüfung hinausgehenden Übungssystems für mathematische Beweisführungen zeigen sie die gewinnbringende Integration von E-Assessment in vorlesungsbegleitende Lehr- und Lernprozesse.
Dem besonderen Potenzial von E-Assessment zur Unterstützung von alternativen Prüfungsformaten widmet sich Bogner, der die Effektivität und Qualität von studentischen Peer-Assessments empirisch untersucht hat. Dabei werden dessen Grenzen identifiziert, sowie mögliche Lösungsansätze vorgestellt. Gerade bei diesem Beitrag wird deutlich, dass E-Assessments die Umsetzung von alternativen Beurteilungsverfahren in größeren Veranstaltungen überhaupt erst praktikabel machen. Es zeigt sich weiterhin ein hoher Forschungsbedarf bei formativen Prüfungsverfahren – ob mit oder ohne technische Unterstützung.
Die Untersuchung von Streule und Läge fokussiert auf die Evaluation eines innovativen Messinstrumentes und dessen Einsatz in tutoriellen Systemen. Wissensstrukturen sollen in Form semantischer Netzwerke als kognitive Wissenskarte gemessen und mit ExpertInnenlösungen verglichen werden. Als formatives Assessment genutzt verdeutlich der Beitrag, wie E-Assessment der automatisierten Bereitstellung notwendiger Rückmeldungen z.B. in adaptiven Selbstlernumgebungen dienen kann.
Der Einsatz von E-Assessment im Unternehmenskontext sowie dessen Verknüpfung mit einem Web 2.0 basierten Personalmarketing stehen im Mittelpunkt der Fallstudie von Kupka, Müller und Diercks. Dabei werden mit der Güteprüfung von verschiedenen eingesetzten E-Assessment-Instrumenten sowie der Darstellung von Erfahrungen eines konkreten Personalmarketing-Projektes äußerst interessante Einblicke in das Anwendungsfeld E-Recruitment vermittelt.
Fazit
E-Assessment beschränkt sich nicht auf die Gestaltung und Optimierung von Tests mit Mehrfachauswahl-Aufgaben. So ermöglichen sie kompetenznahe Handlungsräume und helfen vor allem Lehrenden bei der Erstellung von Rückmeldungen, die eine zentrale Rolle für erfolgreiche Lehr-Lernprozesse haben (Jordan, 2009). Der sich dabei abzeichnende Forschungsbedarf zu Fragen der didaktischen Einbindung von E-Assessments, der Modellierung und Messung komplexer Kompetenzen mittels innovativer Prüfungsformate, der Optimierung adaptiver Testformen oder der Rückwirkungen auf das Lernverhalten ist immens. Hier bieten sich interdisziplinäre Forschungsverbünde an. Vor dem Hintergrund der flächenweiten Einführung von E-Assessments zumindest im tertiären Bildungsbereich fehlen bisher Untersuchungen zur Nutzbarkeit und Zugangsbarrieren von E-Assessment sowie zu emotionalen und motivationalen Effekten bei dessen Einsatz weitgehend.
Literatur
Black, P. J., Harrison, C., Lee, C., Marshall, B. & Wiliam, D. (2003). Assessment for Learning: putting it into practice. Buckingham: Open University Press.
Gielen, S., Dochy, F. & Dierick, S. (2003). Evaluating the Consequential Validity of New Modes of Assessment: The Influence of Assessment on Learning, Including Pre-, Post- and True Assessment Effects. In M. Segers et al. (Hrsg.), Optimising New Modes of Assessment: In Search of Qualities and Standards (pp. 37-54). Kluwer Academic Publishing.
Jordan, S. (2009). Assessment for learning: pushing the boundaries of computer-based assessment. Practitioner Research in Higher Education, Vol 3 (1), pp. 11-19.
Jude, N. & Wirth, J. (2007). Neue Chancen bei der technologiebasierten Erfassung von Kompetenzen. In J. Hartig & E. Klieme (Hrsg.), Möglichkeiten und Voraussetzungen technologiebaiserter Kompetenzdiagnostik. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung, S. 49-56.
Maclellan, E. (2004). How convincing is alternative assessment for use in higher education? Assessment & Evaluation in Higher Education, 29 (3), pp. 311-321.
Neuweg, G. H. (2001). Das Können prüfen. Plädoyer für eine andere Prüfungsdidaktik. In: GdWZ – Grundlagen der Weiterbildung 12 (2001), Nr. 5, S. 202-205.
Reinmann, G. (2007). Bologna in Zeiten des Web 2.0. Assessment als Gestaltungsfaktor. Arbeitsbericht Nr. 16, September 2007, Universität Augsburg.
Shavelson, R. J. (2008). The collegiate learning assessment. Forum for the Future of Higher Education/Ford Policy Forum, 2008, pp. 18-24.
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