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E-Learning in
Massenveranstaltungen
1/2009 - 4. Jahrgang
Kerstin Mayrberger & Rolf Schulmeister
Editorial
Kerstin Mayrberger, Dr.,
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg.
Arbeitsschwerpunkte: E-Learning, Hochschuldidaktik und -entwicklung, Mediendidaktik, (Medien-)Pädagogik, (Medien-)Pädagogische Professionalisierung.
Rolf Schulmeister, Dr.,
Professor für Hochschuldidaktik am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) der Universität Hamburg im Ruhestand.
Arbeitsschwerpunkte: Hochschuldidaktik, Multimedia und E-Learning.
Dieses Themenheft ist der Bedeutung von E-Learning für die Gestaltung von Massenveranstaltungen gewidmet. Weshalb es lohnenswert erscheint, sich explizit mit dem Lehren und Lernen mit digitalen Medien in Großveranstaltungen zu beschäftigen, sollen die beiden folgenden Beispiele illustrieren:
So berichtete der Dekan einer Fakultät der Universität Hamburg im Zuge eines Beratungsgesprächs im Rahmen des Projekts „KoOP” [W001], dass ein Kollege die Lust an der Vorlesung verloren habe, seit die Zahl der Teilnehmenden unter 1100 gesunken sei.
Ein besonders extremes Beispiel stellt die WU Wien dar: Die WU Wien rechnet mit über 6700 StudienanfängerInnen pro Jahr, für deren zwei Studiengänge in einer einheitlichen Studieneingangsphase zwanzig parallele Lehrveranstaltungen angeboten werden müssen. Das bedeutet aber immer noch, dass an den meisten Veranstaltungen über 200 Studierende teilnehmen. Man hat das Semester in zwei Phasen und die StudienanfängerInnen in zwei Gruppen geteilt, so dass Mitte des Semesters ein Schichtwechsel erfolgt. Die beiden Studiengänge umfassen im Grundstudium 14 bzw. 15 Kurse, deren 270 Parallelveranstaltungen alle über die Plattform Learn@WU administriert werden.
In Massenfächern, vor allem solchen, die keinen Numerus Clausus haben, sind Einführungsveranstaltungen mit 500 bis über 1000 Teilnehmenden und Einführungsseminare mit mehr als 80 Teilnehmenden keine Seltenheit. Für die meisten Hochschullehrenden ist unter solchen Verhältnissen keine anspruchsvolle Lehre mehr möglich und der Gedanke unerträglich, dass jemand an so einer Situation Gefallen finden könne.
Das andere Extrem kennzeichnet „die interaktive Großvorlesung” von Wolfgang Effelsberg, Universität Mannheim, der mit mobilen Endgeräten in einer drahtlosen Netzumgebung die Interaktion in der Lehrveranstaltung vervielfältigen will, indem er in die Vorlesung Fragen einstreut, die die Studierenden mittel Feedback-Programm auf ihren Geräten beantworten, wobei die Antwort-Häufigkeiten als Statistik-Diagramm umgesetzt werden. Zudem können die Studierenden jederzeit Zwischenfragen über die Geräte an LehrassistentInnen stellen und Kommentare eingeben [W002].
Die Großvorlesung oder Großlehrveranstaltung und das überlaufene Seminar sind, auch wenn es in der Gelehrtengeschichte immer mal wieder größere Zuhörergruppen gab (z.B. die Kosmos-Vorlesungen von Alexander von Humboldt), eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Die Vorlesungen im Mittelalter, wenn es denn je Vorlesungen dem heutigen Verständnis nach waren, und in der Frühzeit der Universitäten fanden stets vor kleinen Gruppen Studierender statt. Erst mit der Expansion des Bildungswesens in den 1960er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die extreme Verschlechterung der Proportion im Betreuungsverhältnis zwischen ProfessorInnen und Studierenden. Die große Vorlesung oder das zu große Seminar sind aus lerntheoretischer Sicht nie eine gute Methode des Lernens gewesen, zumindest nicht für die Mehrheit der Studierenden. In angelsächsischen Universitäten, in denen die „Lecture” eine bedeutsame Tradition hat, wird nur selten die Ansicht vertreten, die Vorlesung diene dem Lernen, sondern sei es „to cover the syllabus”, die Vorlesung dient der Prüfungsvorbereitung.
Dabei kommt es aus unserer Sicht nicht in erster Linie darauf an, ab wann eine Lehrveranstaltung als Massenveranstaltung bezeichnet werden kann. Viel interessanter ist doch die Frage, ob eine Veranstaltung mit sehr hoher Teilnehmendenzahl unbedingt mit einem traditionellen didaktischen Konzept, das einseitig durch die oder den Lehrende/n bestimmt und nicht selten mit „schlechter Lehre” assoziiert wird, einhergeht. Passive Lernformen haben Probleme mit dem Wissenstransfer, der Eigenaktivität und Anwendung voraussetzt. Sofern das Wissen nicht persistent in Skripten oder Podcasts vorliegt, bleibt es an die Situation gebunden und ist „flüchtig”.
Nun stellt die Veranstaltungsform der Vorlesung (in der Regel in Kombination mit Übung und/oder Tutorium, als Ringvorlesung, Forschungsvortrag oder Präsentation) ein didaktisches Szenario dar, das dennoch seinen Platz in der Hochschullehre behalten wird. So stellt Dubs (2008, S. 1) fest:
„Überholt ist die herkömmlich, nur auf die Vermittlung von Wissen ausgerichtete Magistralvorlesung (Große Vorlesung). Eine Vorlesung, die nach didaktischen Prinzipien gestaltet ist und die Studierenden in gezielter Weise aktiviert, bleibt weiterhin bedeutsam, wenn es darum geht, Grundstrukturen des Wissens und Könnens vorzutragen, um eine Grundlage für das weitere Lernen zu vermitteln. Je größer die Wissensüberfülle wird, desto wichtiger wird eine strukturierte Einführung, die über Medien und Selbststudium weniger gut gelingen kann.”
(Hochschul-)Didaktische und erfahrungsbezogene Gestaltungsempfehlungen für Vorlesungen (vgl. u.a. Voss, 2002; Schulz von Thun, 2007; Dubs, 2008) geben Anregungen, wie eine akademische Massenveranstaltungen so gestaltet werden kann, dass man diese Veranstaltungsform nicht nur aus ökonomischer Perspektive rechtfertigen, sondern ihr weiterhin berechtigterweise einen eigenen Stellenwert in der Vielfalt der Veranstaltungsformen in der akademischen Lehre zugestehen kann - insofern sie gut gemacht ist und den hohen Anspruch erfüllt, der mit einer erfolgreichen Vorlesung einhergeht.
Die Veranstaltungsform der Vorlesung ist in der Regel eng verzahnt mit einem begleitenden intensiven Selbststudium durch die Studierenden und durch selbstorganisierte Arbeitsphasen in Kleingruppen sowie durch ergänzende Übungen oder Tutorien, in dessen Rahmen die Inhalte aufgearbeitet und vertieft und von einigen auch erst verstanden werden. Gerade in diesem Zusammenhang kommt dem E-Learning eine besondere didaktische Bedeutung zu. Die Integration von digitalen Medien im Sinne von Blended Learning im Rahmen einer Vorlesung kann dazu beitragen, trotz der aus lerntheoretischer Perspektive problematischen Veranstaltungsform einen möglichst ertragreichen Lehr- und Lernprozess mit einem höheren und nachhaltigen Lernerfolg zu ermöglichen.
Und wenn auch der Gedanke, in Großveranstaltungen E-Learning zur Bewältigung der Massenprobleme und vor allem der Prüfungsleistungen einzusetzen, nahe liegt, und es in gewisser Weise auch verzeihlich ist, wenn dabei erst einmal Effizienzkriterien und die Bewältigung der Prüfungslasten eine Rolle spielen, so ist es von diesem häufig notgedrungenen Ausgangspunkt zu einem Schritt in Richtung „guter Lehre” nicht weit. Wenn schon E-Learning, dann kann man auch mehr tun, als nur Skripte bereit zu stellen und wiederholbare Multiple Choice-Prüfungen anzubieten, denn dann lassen sich u.a. Tutorengruppen installieren, interaktives Lernmaterial zur Nutzung freigeben, Kommunikationsmöglichkeiten erlauben und Fallbeispiele in Peer-Learning-Gruppen bearbeiten.
Das vorliegende Heft stellt vier exemplarische und fachspezifische Perspektiven vor, wie man konstruktiv mit „Massen von Studierenden” im Rahmen von Lehren, Lernen und Prüfen unter den Bedingungen der Bologna-Reform umgehen kann, wenn man sich von traditionellen Gestaltungsvorstellungen von Vorlesungen löst und Großveranstaltungen unter Einbezug von E-Learning neu denkt und anders organisiert. Dass Großveranstaltungen nach wie vor ihre Grenzen haben, wird hier ebenso deutlich, wie (unvermutete) Potenziale für Ansätze zur Reform der Lehrorganisation unter didaktischen und lehr- und lerntheoretischen Gesichtspunkten.
Eingeleitet wird der Themenschwerpunkt mit einem Beitrag von Christian Bogner, der von Erfahrungen aus dem Projekt „Netzwerk Bildungswissenschaften” (NetBi), einem Verbundvorhaben von fünf Universitätsstandorten und dem Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz (VCRP), berichtet, wie man Großveranstaltungen hochschulübergreifend so gestalten kann, dass ein „Lernen ohne Aufsicht” möglich wird. Bogner stellt die Entwicklung und die notwendigen Anpassung eines didaktischen Konzepts einer standortübergreifenden Vorlesung vor und diskutiert ausgewählte didaktische und organisatorische Elemente, wie die Bedeutung von Peer-Assessments, Erwerb eines Leistungsnachweises auf Grundlage eines Punktesystems oder die hohe Relevanz für ein verändertes Rollenverständnis von Lehrenden und Lernenden. Evaluationsergebnisse der Pilotphase geben einen differenzierten Einblick in die Wirksamkeit des didaktischen Designs.
Heinz-Werner Wollersheim und Thorsten Berger nehmen sich in ihrem Beitrag den Dreischritt Lehren - Lernen - Prüfen aus hochschuldidaktischer Perspektive an. Sie geben einen differenzierten Einblick in ihre langjährigen Erfahrungen zum IT-gestützten Prüfen an der Universität Leipzig. Die Autoren stellen in ihrem Artikel bewusst nicht die Technik in den Mittelpunkt, sondern diskutieren die Anforderungen an ein erfolgreiches E-Assessment im Kontext von Bologna aus den zwei sozial verankerten Perspektiven von Sicherheit und Akzeptanz. Der Beitrag gibt sowohl einen systematischen wie auch praxisbezogenen Einblick in das Themenfeld E-Assessment und setzen die gemachten Erfahrungen kritisch zu anderen E-Assessment-Vorhaben an anderen deutschsprachigen Hochschulen in Beziehung.
Die zentrale Bedeutung von Selbstorganisation für den vorliegenden Kontext thematisieren Detlef Sembill und Marc Egloffstein anhand der Reorganisation einer Großveranstaltung mit Hilfe einer selbstorganisationsoffenen E-Learning-Umgebung. Sie stellen die Konzeption eines dezentralen Blended Learning-Angebotes unter Erläuterung von organisatorischen Kontextfaktoren, Zielen, Inhalts- und Aufgabendesign, Leistungsbeurteilung und Betreuungskonzept dar. Sie untermauern ihre Erfahrungen mit Ergebnissen aus der explorativen Evaluation der Pilotdurchführung. Da sich das vorgestellte didaktische Konzept auf ein so genanntes Querschnittsthema, dem wissenschaftlichen Arbeiten, bezieht, dürfte dieser exemplarische Ansatz für eine Reihe von LeserInnen von Interesse sein.
Das Themenheft schließt mit einem recht spezifischen Beitrag aus der Medizin ab. Die Autorengruppe Peter Pokieser, Jürgen Brandstätter, Thomas Moritz, Hans Domanovits, Gottfried Sodeck und Martin R. Fischer stellt eine Möglichkeit vor, wie eine Großveranstaltung mit einer wöchentlichen Präsenzzeit von nur zehn Minuten erfolgreich im Sinne von Blended Learning durchgeführt und die Eigenaktivität der Studierenden erhöht und gefördert werden kann. Im Zentrum steht hierbei das fast schon klassische didaktische Gestaltungselement der moderierten Forendiskussion auf der Grundlage eines problemorientierten bzw. fallbasierten Konzepts. Die Autoren berichten in ihrem Beitrag über ihre langjährigen Erfahrungen mit webbasierten Falldiskussionen im klinischen Unterricht an der Medizinischen Universität Wien im Teilprojekt „Webambulanz Emergency” im Rahmen des „Unified Patient Project”, das zum Ziel hat, die medizinische Kommunikation in der klinischen Routine, Lehre und Forschung zu verbessern.
Wir denken, dass diese vier Perspektiven Ihnen einen guten Einblick in die Potentiale und Grenzen zur didaktisch motivierten Reorganisation von Massenveranstaltungen mit Hilfe von E-Learning geben. Dass in diesem Kontext zur Zeit in den unterschiedlichen Disziplinen viel in Bewegung ist und zum Teil schon langjährig erprobt und optimiert wird, hat uns die relativ große Resonanz auf unseren Aufruf zur Einreichung von Beiträgen gezeigt. Wir hoffen, dass die hier vorgestellten Beiträge anregen und motivieren, über die eigene Großveranstaltung im Rahmen von Bologna nachzudenken und (erste) Stellschrauben zu suchen, an denen (weitere) Reorganisationsmaßnahmen ansetzen könnten.
Literatur
Dubs, R. (2008). Gut strukturiert und zielgerichtet. Tipps zur Vorbereitung und Durchführung von Vorlesungen. In B. Berendt, H.-P. Voss & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (Griffmarke E 2.5, 24 S.). Berlin [u.a.]: Raabe.
Voss, H.-P. (2002). Die Vorlesung. Probleme einer traditionellen Veranstaltungsform und Hinweise zu ihrer Lösung. In B. Berendt, H.-P. Voss & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (Griffmarke E 2.1, 10 S.). Berlin [u.a.]: Raabe.
Schulz von Thun, F. (2007). Wie gestalte ich meine Vorlesung - und halte die Hörerschaft und mich selbst bei Laune? In: M. Merkt & K. Mayrberger (Hrsg.), Die Qualität akademischer Lehre. Zur Interdependenz von Hochschuldidaktik und Hochschulentwicklung (S. 115-131). Innsbruck [u.a.]: StudienVerlag.
Internet
[W001]: http://www.uni-hamburg.de/eLearning/koop.html (07.12.2008).
[W002]: http://www.tu-cottbus.de/BTU/hp/meldungenhp/pdf-doc/Ringvorlesung_Effelsberg.pdf (07.12.2008).
Stand: 08.07.2010 |
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