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E-Learning und
Wissensmanagement
01/2007 - 2. Jahrgang
Gabi Reinmann
Editorial
Gabi Reinmann, Dr.,
Univ.-Prof., Dipl.-Psych.,
Professorin für Medienpädagogik an der Universität Augsburg. Arbeitsschwerpunkte:
E-Learning/Blended Learning und Wissensmanagement in Schule, Hochschule, Non Profit-Organisationen und Industrie.
Was hat E-Learning mit Wissensmanagement zu tun und vice versa? Lange Zeit haben sich in der Forschung wie auch in der Praxis die Begegnungsversuche in Grenzen gehalten: Die Trennung war (und ist) erkennbar auf Tagungen, in Handbüchern und Projekten. Nun aber stellen sich Entgrenzungsphänomene ein, bei denen nicht mehr ganz klar ist, ob der Aspekt des Lernens oder des Wissensmanagements im Vordergrund steht. Ein paar Beispiele: Wer Mobile Learning praktiziert, nutzt mobile Endgeräte und drahtlose Netzwerke zum Lernen und schafft sich damit Lernbedingungen, wie sie im Wissensmanagement schon lange bekannt sind. Beim Mirco Learning strebt man ein Lernen eng umgrenzter Inhalte innerhalb kurzer Zeiteinheiten an, was auch auf der Agenda von Wissensmanagern zu finden ist. Rapid E-Learning ist eine Wortkonstruktion, die eigentlich etwas anderes meint, als es zunächst scheint: Hier geht es um die kostengünstige und schnelle Produktion von Lerninhalten " ganz im Sinne des Wissensmanagements. Unter den Schlagwörtern Web 2.0 und E-Learning 2.0 schließlich fasst man zusammen, dass zunehmend mehr (vor allem jüngere) Internet-Nutzer mit Hilfe von Technologien wie Weblogs und Wikis ihr persönliches Wissen und gesammelte Informationen öffentlich machen, Erfahrungen austauschen und/oder gemeinsam neue Inhalte produzieren " und dabei eine Menge (informell) lernen. Diese Beispiele zeigen, dass beim E-Learning die Berührungsängste zum Wissensmanagement " bewusst oder zufällig " kleiner werden. Daneben lässt sich beobachten, dass E-Learning-Aktivisten und deren Organisationen zunehmend auf Wissensmanagement-Prinzipien zurückgreifen, wenn es darum geht, E-Learning zu implementieren oder in seiner Nachhaltigkeit zu fördern: Gerade beim E-Learning sind beispielsweise Insellösungen, unvernetzte Pioniere oder Leuchtturm-Projekte in ansonsten öden Lernlandschaften typische Probleme, für die die Wissensmanagement-Community nicht erst seit gestern brauchbare Lösungen parat hält.
Die Verbindungsmöglichkeiten von E-Learning und Wissensmanagement, so meine ich, sind in jedem Fall vielfältig: Wir finden sie auf der technischen Ebene, der Methoden-Ebene und der Ebene theoretischer Ansätze etwa zur Experten-Laien-Kommunikation oder zu Communities of Practice. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den hier versammelten Beiträgen wieder:
Martin J. Eppler zeigt, wie sich interaktive Visualisierungsmethoden sowohl zum Wissensmanagement als auch zum E-Learning einsetzen lassen. Die von ihm vorgestellten Methoden helfen dabei, verschiedene Wissensformen in unterschiedlichen Anwendungskontexten zu explizieren, zu dokumentieren und zu vermitteln. Dabei wird deutlich, dass viele dieser Werkzeuge sowohl in ökonomischen als auch in bildungsbezogenen Situationen nützliche Dienste leisten.
Eric Ras, Jörg Rech und Björn Becker sprechen sich in ihrem Beitrag " wenn man es mit der Diskussion um "reusable learning objects" vergleichen möchte " für "reusable experiences" aus: Sie präsentieren eine Wissensmanagementlösung, mit der Erfahrungen beim Software Engineering effizienter als bisher genutzt werden können. Erfahrungsbasiertes Lernen und eine kontextbezogene Bereitstellung von Information bilden die Grundlage für ein technisches Assistenzsystem, das vor allem für kleine und mittlere Unternehmen interessant ist.
Heide Troitzsch, Christoph Clases, Christian Sengstag und Damian Miller liefern mit ihrem Beitrag ein Beispiel dafür, wie man es verhindern kann, dass in der E-Learning-Praxis von Hochschulen (und anderen Organisationen) das Rad immer wieder neu erfunden wird. Sie stellen eine Roadmap vor, die Wissen über die Produktion und den Einsatz von E-Learning in strukturierter und adressatenbezogener Form zugänglich macht. Dabei spielt vor allem die De- und Re-Kontextualisierung von Wissen eine wichtige Rolle.
Thomas Sporers Beitrag fokussiert ebenfalls den Hochschulkontext, stellt dabei aber die Studierenden ins Zentrum des Interesses: Ebenfalls anhand eines Beispiels diskutiert er die Möglichkeit, wie Studierende unter Nutzung neuer Medien aktiv in den Prozess der Wissensschaffung bzw. in den Prozess der Schaffung von E-Learning-Angeboten einbezogen werden können. Entscheidend sind dabei die Zusammenarbeit und das gemeinsame Lernen in Praxisgemeinschaften, die sich nach Wissensmanagement-Prinzipien organisieren lassen.
Alle vier Beiträge machen deutlich: Eine Verbindung von E-Learning und Wissensmanagement ist möglich und nützlich. Trotzdem, so meine ich, darf man die Unterschiede nicht ganz aus den Augen verlieren: E-Learning und Wissensmanagement sind beide vergleichsweise junge wissenschaftliche Zweige, aber deren Protagonisten kommen in der Regel aus verschiedenen disziplinären Traditionen; ähnliches gilt für die Praxis und die Frage, wo E-Learning und Wissensmanagement jeweils ihren Ort und ihre Entscheidungsträger haben: In vielen E-Learning-Konzepten und -Praktiken lässt sich ein wie auch immer gearteter Bildungsanspruch kaum leugnen " eine am Individuum orientierte Zielsetzung, die der Potenzialentfaltung des Einzelnen verpflichtet ist. Die meisten Wissensmanagement-Konzepte dagegen stellen sich vor allem der Herausforderung, wissensbasierte Ziele ressourcenschonend zu erreichen und dabei nicht nur Menschen, sondern vor allem auch die Entwicklung von Organisationen voranzutreiben. Ziele dieser Art schließen sich keineswegs gegenseitig aus. Zu meinen, man könne einfach darüber hinweggehen, dürfte allerdings auch etwas blauäugig sein.
Stand: 27.12.2008 | RSS | © 2006 - 2009 StudienVerlag